Im Atelier von Nina Dulleck

Der Trick mit der Bohne…
…von wegen!

Ich kann es einfach nicht! Ich kann lesen, ich kann schreiben – aber zeichnen kann ich definitiv nicht!!! Und wenn ich mir das Video auch noch so oft anschaue…

Aber ich bin ja auch nicht Nina Dulleck. Denn wenn ich Nina Dulleck wäre, hätte ich schon mit sechs Jahren so gut malen können, dass ich für 50 Pfennig gezeichnete Tiere an meine Mitschüler verscherbelt hätte. Sehr zum Missfallen der Lehrerin natürlich, die das Geschäftsmodell schleunigst verboten hätte.

Und wenn ich Nina Dulleck wäre, würden mich jetzt gaaanz viele Kinder kennen, weil ich nämlich die „Schule der magischen Tiere, „Die kleine Dame“ und „Die Haferhorde“ illustriert hätte.

Bin ich aber alles nicht.

Aber sehr neugierig auf die Frau, die mit ihren Zeichnungen die Herzen so vieler Jungen und Mädchen erobert hat. Ich treffe die renommierte Kinderbuchillustratorin und -schreiberin auf dem Laurenziberg. Einem kleinen Dorf in Rheinhessen mitten in den Weinbergen, in dem sich Fuchs und Hase Gute Nacht sagen.  Und fange mir in dem kleinen Atelier, das sie in einem alten Gutshof angemietet hat, auch gleich einen Rüffel ein: Den Satz „Ich kann nicht zeichnen“ mag die 46-jährige nämlich gar nicht hören. Jeder könne mit dem Stift etwas zu Papier bringen. Und schlechte Noten im Kunstunterricht (bei mir meistens eine drei bis vier) seien sowieso nur dazu geeignet, die Kreativität zu bremsen.

Mein Blick wandert durch das Zimmer mit den vielen Büchern, fällt auf die Palette von Stiften in allen Regenbogenfarben und den gemütlichen Sessel. Und bleibt an dem großen Grafiktablet und dem Kosmetikspiegel darüber hängen. Braucht die Frau mit dem Faible für große Brillen den etwa, um sich während der Arbeit die Lippen kirschrot nachzumalen? Nina Dulleck lacht – der Spiegel ist schlicht ein Hilfsmittel, um zu überprüfen, wie bestimmte Grimassen aussehen. Genau wie das Tablet, das es ihr ermöglicht digital auf mehreren Folien zu zeichnen. Fehler lassen sich so einfacher ausmerzen. Die Künstlerin muss immer wieder schmunzeln, wenn sie gefragt wird, ob sie überhaupt noch mit dem Stift male. „Als ob das mit Augenzwinkern funktionieren würde…“

Apropos Fehler – Gewissenhaftigkeit ist für die Künstlerin ein absolutes Muss. Tiere beispielsweise schaut sie sich vorher immer genau an. Draußen in der Natur. Oder im Zoo. Oder im Lexikon. Und die landen dann erst mal in einem Skizzenbuch: „Leoparden sind sauschwer hinzukriegen, dass sie nicht verhungert aussehen.“ Aber es reiche keineswegs, nur hinzuzeichnen, was man sehe. Das Kunststück bestehe darin, hat sie an anderer Stelle mal gesagt, Menschen und Tieren einen Charakter zu geben, den sie nicht haben. Nicht wie sie in echt aussehen, sondern wie sie ticken, müsse deutlich werden.

Dass aus dem talentierten Kind mit Opas Buntstiften automatisch eine erfolgreiche Künstlerin wird, war keineswegs vorauszusehen – trotz eines gewonnenen Wettbewerbs schon mit 16 Jahren. Der Wendepunkt kam für die gelernte Erzieherin erst mit dem Tod ihrer zweiten Tochter, die bei der Geburt starb. Viele Fragen stürzten damals auf Nina Dulleck ein – bis sich die junge Frau entschied, ihren Lebenstraum zu verwirklichen und Vollzeitillustratorin zu werden. Unterstützung fand und findet sie bei ihrem Traummann, einem Theologen. Zwei Karrieren und gleichzeitig Kinder – das geht nicht waren sich beide einig. Und so arbeitet er jetzt ehrenamtlich für die Kirche, kümmert sich um die mittlerweile drei Kinder und die Küche, übernimmt die Buchführung…und…und…und.

Es war ein Sprung ins kalte Wasser – natürlich auch verbunden mit Existenzängsten. Denn wenn man sich diese springlebendigen und witzigen Zeichnungen anguckt, mag man gar nicht glauben, dass Nina Dulleck Autodidaktin ist und sich alles selbst beigebracht hat. „Die Leidenschaft bringt einen dazu, das Handwerkszeug zu üben. Und der Spaß dabei“.   

Mittlerweile kann die quirlige Künstlerin von ihrem Beruf leben: „Der Erfolg war nicht planbar. Ich empfinde ihn als ein großes Geschenk“. Elf bis zwölf Bücher sind es, die Nina Dulleck pro Jahr illustriert. Mal liefert ein Verlag ein Exposé dazu wie bei der kleinen Dame, mal hat sie völlig freie Hand. Und dafür Ideen zuhauf: „Die kommen unter der Dusche und sind beim Abtrocknen schon wieder verschwunden“. Deshalb hat die Zeichnerin auch überall Notizbücher herumliegen.

Und wie war es für Nina Dulleck, als Paul Maar, der Erfinder des Sams sie höchstpersönlich für die Neu-Illustration seines mehrbändigen Erfolgsbuches vorschlug? Gefreut hat es sie schon, wenngleich es nicht einer gewissen Komik entbehrte. Denn die 46-jährige kannte die Geschichte bis dahin gar nicht!!! „Meine Mutter fand das Sams so hässlich, dass uns das Buch nicht ins Haus kam“, erinnert sie sich. Gelassen nimmt sie hin, dass nicht alle Leser von den neuen Bildern begeistert sind – zu lieblich und nicht anarchistisch genug lautete das Urteil vor allem von denen, die mit dem Sams groß geworden sind. Neu gemalt habe sie die Figur aber für jene, die sie noch gar nicht kennen würden. Und bei denen käme die neue Version gut an.

Dankbar ist Nina Dulleck aber auch dafür, dass sie der Erfolg in die Lage versetzt, eigene Bücher zu schreiben und zu illustrieren. Als Sahnehäubchen sozusagen. Gerade ist „Rosalie“ erschienen, die so warmherzig-komisch-phantasievoll-mitreißende Geschichte eines kleinen Mädchens beim Brötchenholen, die auch meine Enkel auf Anhieb verzaubert hat – liebe Nina ganz ehrlich ohne Bestechung mit Pudding oder Keksen!!!

Ihr ist bewusst, dass es vielen Kollegen und Kolleginnen nicht so gut geht. „Die wenigsten können von ihrer Arbeit leben“, weiß sie. So detailverliebt wie die 46-jährige zeichnet, so leidenschaftlich kämpft sie auch für ihren Berufsstand. Dafür, dass Illustratoren mehr Anerkennung bekommen und nicht nur als Beiwerk verstanden werden. Gerechter bezahlt werden und nicht einfach im Blindflug Verträge unterschreiben. Viel Mut, Kraft und Zeit hat es die Illustratorin gekostet, bis ihr Name neben der der Autorin auf dem Cover stehen durfte. Auch dass er im Abspann des demnächst erscheinenden Kinofilms zur Schule der magischen Tiere erscheint. „Das bin ich auch meiner Mutter schuldig“, erklärt sie selbstbewusst. Ihrer Mutter, die sie zusammen mit ihrem Bruder unter nicht einfachen Umständen alleine großgezogen hat und die zu Recht so stolz auf ihre Tochter ist.

Wie bitte? Das ist nicht selbstverständlich? Irritiert frage ich später jemanden, der gänzlich unvoreingenommen ist – meinen achtjährigen Enkel, der als Erstleser gerade seine erste Buchpräsentation hinter sich hat. Warum die Lehrerin wohl darauf Wert gelegt habe, dass Autor und Illustrator erwähnt werden? „Aber Oma“, kommt die Antwort wie aus der Pistole geschossen, „die sind doch beide gleich wichtig. Oder glaubst du, dass ich ein Buch ohne Bilder lesen würde?“

Ausrufezeichen! Deutlicher geht es wohl nicht.

Eine Erkenntnis, die sich offenbar aber noch nicht überall durchgesetzt hat. „Ich bin doch nicht der Papagei des Autors“, betont Nina Dulleck mit Nachdruck. Vielmehr versuche sie mit ihren Zeichnungen, zu der bereits existierenden Geschichte eine eigene hinzuzufügen. Nicht jene Bilder zu nehmen, die jeder im Kopf habe, sondern um die Ecke zu gucken.

Lust aufs Buch zu machen, es so zu gestalten, dass Kinder es lieben – das sieht sie als ihren Auftrag an. „Kinderbücher haben ein Alleinstellungsmerkmal. Sie sind Sprache in Wort und Bild“, argumentiert die Künstlerin energisch. Kinderbücher dienten keinesfalls nur der Leseförderung, sondern der ganzheitlichen Bildung. Sie seien die erste Begegnung eines Kindes mit dieser Spielart der Sprache und der Kunst als solcher. Kurzum – Kinderbuch sei Kulturförderung. Und wenn ein Buch dann auch noch Mut macht, Mut zum Leben, sieht die begeisterte Akkordeonspielerin ihr Anliegen erfüllt.

Weil Illustratoren in der „seriösen“ Jugendliteraturforschung in Nina Dullecks Augen bislang zu wenig beachtet und gewürdigt, geschweige denn ausgezeichnet worden sind, hat die engagierte 46jährige kurzerhand selbst einen Preis ins Leben gerufen – die Goldene Feder. Erste Preisträgerin im vergangenen Jahr war Felicitas Kuhn. Felicitas wer? Asche auf mein Haupt – der Name sagt mir nichts bis ich ihre Bilder sehe. Natürlich kenne ich sie. Unzählige Märchenbücher hat die mittlerweile 95jährige illustriert. „Sie hat mir den Begriff von Schönheit erst beigebracht. Das sind Arbeiten auf hohem Niveau“, begründet Nina Dulleck ihre Wahl. Vorschläge für die nächste Goldene Feder nimmt sie übrigens gerne entgegen.

Ob sie selbst denn schon mal einen Preis bekommen habe, frage ich. Nina Dulleck muss einen Moment überlegen. „Boje hebt ab“ sei mal Bücherliebling in Österreich gewesen. „Mein Preis heißt Laurenz“, platzt es dann aus ihr heraus. Ein Junge aus Travemünde, der seinen Lehrer so lange bekniet habe, bis dieser die Autorin in die Schule eingeladen habe. Und der sie dann im Urlaub auf dem Laurenziberg besucht und sich alles ganz genau habe zeigen lassen.

Und wo wir schon mal beim Thema Auszeichnungen sind, kommen wir auf einen Preis zu sprechen, der bereits vor seiner erstmaligen Verleihung am kommenden Samstag in der Branche für Furore gesorgt hat – den Kinderbuchpreis. Gestiftet von der Eigentümerfamilie der Zeitfrachtgruppe soll er Leselust und Lesekompetenz fördern und ist gerichtet an „Autoren und Autorinnen von Kinderbüchern für die leseprägende Alterszielgruppe zwischen vier und acht“. Sagenhafte 100.000 Euro beträgt das Preisgeld für eine Einzelperson – kein einziger Buchpreis im deutschsprachigen Raum ist so hoch dotiert, auch der Sieger des Deutschen Buchpreises muss sich mit 25.000 Euro zufriedengeben. Indes – angesprochen sind ausschließlich die Schreibenden. „Und was ist mit den Illustratoren?“, fragt Nina Dulleck. Nachdem Zeichner und Zeichnerinnen bei der Stifterin nachgefragt und protestiert hätten, sei ihnen beschieden worden, dass es den Autoren überlassen bleibe, ob sie den Preis teilten oder nicht. Ob sich die Stifterin bei der Ausschreibung bewusst war, in welche Zwickmühle sie den künftigen Preisträger damit bringt?

Undhastdunichtgesehen ist aus dem Plauderstündchen ist ein ganzer Vormittag geworden. Ich jedenfalls werde noch mal zurückkehren auf den beschaulichen Laurenziberg. Aber nicht, um den Trick mit der Bohne zu üben (da ist Hopfen und Malz verloren). Sondern um zu spickeln, ob es der couragierten Streiterin in Sachen Kinderbuch gelungen ist, die Erben Erich Kästners davon zu überzeugen, sie eine seiner Geschichten illustrieren zu lassen.

 Ihrer Beharrlichkeit wäre es zuzutrauen. Und zu wünschen sowieso!

P.S.***Erkennen Sie, welches Tier ich mit dem Bohnentrick zeichnen wollte? Und wenn Sie es selbst mal versuchen wollen, schauen Sie sich die Videos auf Nina Dullecks Seite an.

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