Lies doch mal was Schönes!

Ich weiß nicht, wie oft ich diesen Satz gehört habe. „Lies doch mal was Schönes!“ Begleitet von einem leicht ungläubigen, wahlweise „Was stimmt denn nicht mit der?“-Blick meines Gegenübers angesichts meiner aktuellen Lektüre. Ich geb es gerne zu, ich bin nahezu besessen von schwierigen Themen. Herausfordernde Familiensituationen, versuchte und gescheiterte Vergangenheitsbewältigung, Dystopien, generationenübergreifende Traumata, schwierige Kindheiten, zerbröselnde Ehen, Mutterschaft in all ihren Facetten, Frauen auf der Suche – ich bin sofort dabei! Für mich war Literatur nie Zerstreuung oder Erbauuung. Eher ein Hafen für meine eigene Schwermut, meinen Gerechtigkeitssinn und eine gewisse angeborene nordeuropäische Melancholie.

Wenn ich es mir genau überlege, war das in meinem Leseleben von Anfang an so. Sobald ich Hanni und Nanni entwachsen war (wobei, hier gibt es gewisse Dramen auch nicht von der Hand zu weisen…), habe ich mich schon als Zwölfjährige nahezu manisch mit allen Romanen und Erzählungen beschäftigt, die vom Dritten Reich handelten. Ich wollte mich unbedingt mit diesem Grauen auseinandersetzen, aus einem inneren Drang und verzweifelter Bestürzung heraus. Was habe ich geweint beim Lesen. Wenig später war ich fasziniert von Gudrun Pausewang und „Der Schlund“, eine der besten und schrecklichsten Dystopien für Jugendliche, die ich je gelesen habe (es geht um die Machtergreifung einer rechtsextremen Partei und die entsetzlichen Auswirkungen auf eine Familie und ihr Kind mit einer Behinderung). Ich schrieb der Autorin nach der Lektüre einen Brief, sie lud mich daraufhin in ihr Sommercamp für Jugendliche ein. Zum ersten Mal unter literarisch Gleichgesinnten – was ein herzerwärmendes Erlebnis! Danach wurde ich Fangirl von Salingers „The Catcher in the Rye“. Weiter ging es, gerade erwachsen geworden, mit Sylvia Plath – „Die Glasglocke“ – spätestens damit war meine Faszination für menschliche Abgründe festgelegt, vorzugsweise aus der weiblich gelesenen Sicht, gefolgt von „Die Wand“ von Marlen Haushofer.

Ob ich selbst so viele Abgründe habe? Womöglich. Wenn auch nur in meinen Gedanken, vielleicht fühle ich mich deshalb so in dieser Literatur zu Hause. Ich suhle mich nicht im Leid anderer, aber ich fühle mich verstanden und kann mein Mitgefühl voll ausleben, ohne dass es jemanden bedrängt. Papier ist ja bekanntlich geduldig. Und als einigermaßen privilegierte Menschen der westlichen Welt halte ich es für unsere unabdingbare Aufgabe, uns mit Themen außerhalb unseres Wohlfühlhorizonts auseinanderzusetzen. Literatur als treibende Kraft, um erst im Kleinen, dann im Großen etwas zum Positiven zu verändern – warum nicht?

Tja, und wenn ich dann noch in der Buchhandlung Gleichgesinnte unter unseren Kund*innen treffe… Jackpot. Wir erkennen uns: Melancholie im Blick, gefolgt von einem geflüsterten „Oh ja, das war auch so heftig und gut, finden Sie auch?“ Und schwupps, hab ich eine*n literarische*n Seelengefährt*in gefunden.

Glücklicherweise auch unter meinen Kolleg*innen. Zumindest wissen sie alle um meine Vorlieben sehr genau Bescheid, oft noch, bevor ich ein neues Buch für mich entdeckt habe. Da ruft dann der Chef schon mal quer durch den Laden: „Oh, ein Frau-Korn-Buch!“ Das macht er mittlerweile seit 8 Jahren – und meistens hat er Recht und ich hüpfe mit klopfendem Herzen dem neuen Bücherschatz entgegen. Also, all die Schwermütigen und ewig Suchenden: Wo seid Ihr? Gebt Euch zu erkennen und lasst uns gemeinsam in die papiernen Abgründe steigen. Lest mit mir… doch mal nichts Schönes 😉

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