Lesehighlight von Brigitte Jetschina
JAMES

Es gab dieses Jahr viele hervorragende Neuerscheinungen, und ein Roman hat mich besonders fasziniert: „James“ von Percival Everett (übersetzt von Nikolaus Stingl).
Wer von uns kennt nicht Mark Twains Geschichten von Tom Sawyer und Huckleberry Finn, wie Huck vor seinem gewalttätigen Vater flieht, gemeinsam mit dem entflohenen Sklaven Jim auf einem Floß den Mississippi hinabfährt und viele Abenteuer erlebt. Percival Everett – US-amerikanischer Schriftsteller und Professor für Literatur an der Universität von Südkalifornien – erzählt die Geschichte neu, diesmal nicht aus der Sicht des weißen Jungen Huck, sondern aus der Perspektive des Schwarzen, Jim, der hier zu James wird. Und damit eröffnet sich ein völlig neuer Blickwinkel auf die Welt, die Überlebenstechniken von Sklaven und die Selbstgerechtigkeit der Herrschenden.
James entflieht, weil er verkauft werden soll. Seine Frau und Tochter lässt er zurück, sein Ziel ist jedoch immer, sie zu sich zu holen, sobald er kann. Er gerät immer wieder in lebensgefährliche Situationen, muss sogar töten, um selbst zu überleben.
Aber auch komische Situationen – wenn auch mit einem bitteren Beigeschmack – werden erzählt: wenn die Kinder Unterricht darin erhalten, nuschelnd und dümmlich zu sprechen, wenn Weiße in der Nähe sind, um ja nicht den Eindruck zu erwecken, intelligente Menschen, und damit bedrohlich zu sein. Oder wenn James von einem Gospelchor eingekauft wird, dessen weiße Sänger sich schwarz schminken und er auch schwarz geschminkt werden muss, damit er dazu passt.
Ganz am Ende lüftet Everett auch noch ein Geheimnis, das Mark Twain gewahrt hatte.
Mich fasziniert dabei, dass man das Buch auf verschiedenen Ebenen lesen kann:
– es ist möglich, ausschließlich mit den spannenden Abenteuern mitzufiebern,
– oder die großartige Sprachkunst zu genießen, die auch in der deutschen Übersetzung funktioniert,
– oder sich dabei auf die hochaktuelle Auseinandersetzung mit Rassismus einzulassen,
– oder alles auf einmal zu erleben.

