Im Künstlerhotel mit Isabel Bogdan und Edgar Rai

Zugegeben – es ist nicht ganz fair, die beiden gleich mit einem englischen Text zu überfallen.

Zumal der auch schon mehrere hundert Jahre alt ist.

Dennoch juckt es mir in den Fingern und ich lasse es auf einen Versuch ankommen. Schließlich sind sie ja vom Fach – die eine mehr, der andere weniger. Und so lege ich ihnen einen Vers aus Hamlet* vor, der jüngst auf der Einladungskarte zu einer Hochzeit stand und bitte um eine Übersetzung. Die zwei schauen etwas irritiert und sind weder mit dem einen noch dem anderen Vorschlag, den ich natürlich gleich mitgebracht habe, so richtig zufrieden.

Aber es geht ja auch nicht um den englischen Klassiker, sondern um Isabel Bogdan und Edgar Rai. Ich treffe die zwei kurz vor einem gemeinsamen Auftritt in einem Frankfurter Künstlerhotel. Oder genauer gesagt auf der Dachterrasse, wo sie bei den letzten warmen Sonnenstrahlen in diesem Herbst Rede und Antwort stehen. Wobei – sitzt da wirklich Edgar Rai? Die Hälfte vom Duo Rath & Rai? Oder doch eher Leon Morell? Oder gar Moritz Matthies? Der großgewachsene Mann hält sich bedeckt und grinst.

Facettenreich ist er – dieser Edgar Rai. Und überaus produktiv dazu. Mehr als 20 Romane entstammen seiner Feder. Ein Vielschreiber? Schon stecke ich mit einem Fuß im Fettnäpfchen: „Ein Schreibwütiger“, korrigiert er mich. Auf jeden Fall aber ein lesenswerter.

Denn je nach alter Ego variieren Schreibstile und Inhalte. Der Sixtinische Himmel liest sich ganz anders als die Erdmännchen-Krimis. Und die wiederum tragen eine andere Handschrift als die biografisch geprägten Bücher wie „Im Licht der Zeit“ oder zuletzt „Ascona“ – ein fesselnder Künstlerroman, der von Erich Maria Remarques dramatischen Jahren im Schweizer Exil erzählt. Geschickt verbindet Rai dabei Fiktives mit Realem und nimmt sich die künstlerische Freiheit, im Sinn der Dramaturgie zu agieren: „Ich schreibe Romane. Die müssen als solche funktionieren und am Ende stimmig sein.“

So vielschichtig das literarische Werk Edgar Rais – so schillernd auch sein Werdegang. 1967 in Mittelhessen geboren, wurde er als Jugendlicher kurz vor dem Abitur der Schule verwiesen, absolvierte anschließend ein Austauschjahr in den Staaten, um dann die Reifeprüfung nachzuholen und Anglistik und Musikwissenschaften zu studieren. Übersetzer, Chorleiter, Drehbuchautor, Handwerker, Basketballspieler und -trainer („Es gibt wohl keine Halle in Deutschland, die ich nicht kenne“) – es waren viele Jobs, in denen sich der Vater dreier Kinder betätigte, ehe er sich ganz auf die Schreiberei verlegte. Und als wäre das alles noch nicht genug, stürzte er sich 2012 in ein neues Abenteuer und eröffnete zusammen mit der Grafikerin Katharina von Uslar in einem zwangsgeräumten Bordell am Prenzlauer Berg eine Buchhandlung.

Ausgerechnet in Berlin, der Stadt mit den meisten Buchhandlungen! Und dann auch noch mit einem eher eigenwilligen Konzept. Besonderen Büchern ein Fenster zu bieten – das war und ist das Anliegen des Literaturtempels, in den mittlerweile auch Edgar Rais Tochter Leonie Kapell eingestiegen ist. Statt Bestsellerliste und Mainstream radikal und rein subjektiv ausgewählte Lektüre. Eben das, was man selbst gerne lese. Das Konzept scheint aufzugehen – wie die Tauben wurden auch Uslar & Rai mit dem Buchhandlungspreis ausgezeichnet. Und dass der Schriftsteller aus Vorsicht und Solidarität während des Lockdowns den Laden geschlossen hielt und selbst in die Pedale trat, um bestellte Bücher auszuliefern, hat ihm weitere Sympathien und Kunden beschert.

Ohne diesen Buchladen hätten Isabel Bogdan und Edgar Rai vermutlich auch nicht zusammengefunden. Die gebürtige Kölnerin, die seit Jahren in Hamburg lebt, erinnert sich noch genau an ihren ersten Besuch am Prenzlauer Berg. Der Hausherr war nämlich nicht zugegen. Sie hinterließ freundliche Grüße – und wurde von der Mitarbeiterin gebeten, doch unbedingt später noch einmal wiederzukommen, weil diese von Edgar Rais Begeisterung für den Roman „Der Pfau“ wusste. „Das ist schlaue und gute Unterhaltung – eine hohe Kunst“, attestiert der Autor seiner Kollegin.

Dass gleich ihr Romandebut ein solcher Erfolg wurde, hätte die 53jährige nie zu träumen gewagt. Denn nach dem Studium der Anglistik und Japanologie arbeitete die strohblonde Autorin erst einmal als Übersetzerin. „Gärten für den kleinsten Raum und Hauseingänge“ lautete der Titel des ersten Buches, das sie aus dem Englischen ins Deutsche übertrug. „Danach wusste ich, was ich machen wollte“, erinnert sich Isabel Bogdan. Ihr ist es zu verdanken, dass wir so namhafte Autoren wie Jane Gardam, Nick Hornby und Jonathan Safran Foer mittlerweile auch auf Deutsch lesen können. Dafür wurde sie unter anderem mit dem Hamburger Förderpreis bedacht.

Die Geschichte eines durchgeknallten Pfaus hat die Kennerin britischer Landsitze übrigens so ähnlich tatsächlich erlebt und daraufhin beschlossen, die kuriose Begebenheit in abgewandelter Form zu Papier zu bringen. Zur Freude unzähliger Leser und Leserinnen – mehr als 100.000mal ging allein das gebundene Exemplar über den Ladentisch, dreimal so oft das Taschenbuch. Und für das Hörbuch gab es zudem eine Auszeichnung. Wieso sich ihr Mann allerdings immer wieder habe fragen lassen müssen, was er denn von dem Erfolg seiner Frau halte, ist ihr bis heute rätselhaft: „Wäre das umgekehrt genauso?“

Nach diesem fulminanten Debut war die Erwartungshaltung der Lesegemeinde natürlich groß, wobei strenggenommen „Sachen machen“ das Erstlingswerk der ehemaligen Bloggerin war. Voller Neugier und ohne Angst vor der Blamage hatte die sportliche Autorin zuvor Dinge ausgetestet, die sie noch nie gemacht hatte – angefangen vom Rhönrad über die Fett-weg-Hose bis hin zum Besuch des Heavy-Metal-Festivals in Wacken. Ausgerechnet sie, die eigenen Angaben nach öfters mal eher etwas overdressed in Erscheinung tritt!

Wohl wissend, dass der nächste Roman nicht das sein würde, was ihre Fans wollten, setzte sie sich wieder an den Schreibtisch und schrieb „Laufen“: eine Erzählung über eine Frau, die nach dem Suizid ihres Partners zurück ins Leben läuft.

„Schreiben macht keinen Spaß, es ist die Hölle“, hat Isabel Bogdan einmal gesagt. „Wie Langstrecke“, pflichtet ihr Edgar Rai bei. Immer erschöpfend. Die Freude komme erst hinterher. Die Furcht zu scheitern, den Zweifel, ob das überhaupt jemand lesen will, kennen beide sehr gut.

Berufskrankheit vermutlich.

Die Angst, in eine Schublade gesteckt zu werden, ist groß und wird auch von Edgar Rai geteilt. Aus Verlegersicht hält er sich für einen undankbaren Autor, der Bewährtes nicht noch einmal in grün, gelb oder rot abliefern möchte. Und obwohl gleich drei Herzen in seiner Brust schlagen als Schriftsteller, Buchhändler und Mitgesellschafter des noch jungen Kanon Verlages, bricht er gleichzeitig eine Lanze für die Vielfalt der deutschen Verlagslandschaft, die einzigartig sei und auch neuen Stimmen Chancen einräume. Nirgends gebe es so viele Übersetzungen wie hier. „Wir sollten nicht klagen“, erwidert er auf meine Frage, ob es ein paar Neuerscheinungen weniger im Jahr nicht auch täten.

Der 54jährige, der lange Zeit zwei aus Syrien geflüchtete Brüder nicht nur beherbergte, sondern auch in seine Familie integrierte, betreibt eine klare Arbeitsteilung: vormittags schreiben und nachmittags im Laden stehen. Bogdan dagegen schreibt eher eruptiv und braucht den Druck des Abgabetermins, um voran zu kommen. Und während die eine erst etwas zu Papier bringen kann, wenn sie den richtigen Sound gefunden hat, ist der andere auf der Suche nach Emotionen, ehe er sich auf die Figuren einlassen kann.

Unterschiedliche Arbeitsweisen, unterschiedliche Charaktere.

Was sie eint, ist die scheinbar unbändige Lust, Neues zu probieren.

Unkonventionell die eine, die auch schon mal Kollegen zu Wohnzimmerlesungen einlädt und allein für den Satz „Die meisten Menschen werden schön, wenn man mit ihnen spricht; am schönsten sind sie, wenn sie von etwas sprechen, das sie begeistert“ ein Sternchen verdient hat.

Unkonventionell und durchaus bereit, auch anzuecken, der andere. Aber wie kommen Sie, lieber Herr Rai, darauf, im Literaturbetrieb keine Rolle zu spielen? Wer entscheidet das? Die Verkaufszahlen, die Kritiker oder letztendlich der Leser, der ein Buch nach dem letzten Satz beglückt zur Seite legt?

Bühnentauglich sind die beiden außerdem. Geistreich und immer auch mit einem Augenzwinkern nehmen sie später im Mousonturm bei „Schimpf und Schande“ zwei Klassiker auseinander, die sie bislang nur vom Hörensagen kannten. In diesem Fall „Der Gang vor die Hunde“ von Erich Kästner und „Die dunklen Winkel des Herzens“ von Francoise Sagan. Bravourös moderiert vom Leiter des Literaturforums, Björn Jager, geht es letztlich um die Frage „Ist das Literatur oder kann das weg?“  Kurzum – ein vergnüglicher Auftritt, von dem sich das Literarische Quartett im Fernsehen so Einiges abgucken könnte!

Ich bin neugierig, was Isabel Bogdan und Edgar Rai als nächstes aus dem Hut zaubern werden. Geheimnisvoll raunt der frisch gebackene Großvater schon etwas von einem neuen Projekt unter einem weiteren Pseudonym…

Also die Augen offenhalten und bis dahin vor lauter Fernweh immer wieder mal in Isabel Bogdans neuestem Büchlein blättern – eine wundervolle Liebeserklärung an die Insel Helgoland und das Schreiben an sich.

P.S.: *„Doubt that the stars are fire,

            Doubt that the sun doth move his aides,

            Doubt truth to be a liar,

            But never doubt I love.“

            (Hamlet -Act 2, Scene 2)

…Für alle, die sich selbst im Übersetzen versuchen wollen 😉     

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