Auf dem Sofa mit Klaus-Peter Wolf

Ostfriesenkrimi.

Ein Wort nur – und jeder weiß sofort Bescheid. 

Oder glaubt zumindest Bescheid zu wissen über den Mann, über den schließlich schon so viel geschrieben und gesagt worden ist. Sogar ein Extrablatt ist ihm gewidmet. Und dennoch bleibt er ein Phänomen, das selbst die Buchbranche noch immer verblüfft: Klaus-Peter Wolf.

Doch wie nähert man sich so einer Ausnahmeerscheinung? Erst recht, wenn man bis dato noch keines der Bücher gelesen hat?

Am besten durch die Hintertür. Spontan entscheide ich mich für einen Roman, der fast 30 Jahre alt ist und heute leider aktueller denn je: „Samstags, wenn Krieg ist“.*

Eine hammerharte Lektüre, die mich mehr als einmal schlucken lässt.

Eine verstörende Milieustudie über junge Neonazis in einer verschlafenen Kleinstadt, die für den Polizeiruf 110 verfilmt und mit Lobeshymnen bedacht wurde.

Ein und derselbe Autor? Derselbe Schriftsteller, der zwei Jahre in die Welt einer kriminellen Rockerbande eintauchte und darüber den Jugendroman „Dosenbier und Frikadelle“ schrieb? Und monatelang undercover recherchierte, um einen Enthüllungsroman über den Handel mit asiatischen Frauen zu veröffentlichen („Die Traumfrau“)?

Ich sitze auf dem roten Sofa im heimeligen Wohnzimmer im Distelkamp in Norden in genau dem Haus, in dem auch Kommissarin Ann Kathrin Klaasen daheim ist und schaue Klaus-Peter Wolf fragend an. Der nickt. Natürlich. Schon immer sei es ihm um Außenseiter gegangen, um Leute, die am Rande der Gesellschaft stehen. Denn erst dort sehe man die Risse. Und auch seine Krimis, die er als ein auf viele tausend Seiten angelegtes Gesellschafspanorama versteht, blickten in die Abgründe der Seele – wenngleich auch vor idyllischer Kulisse.

Dass dieser Reihe einmal ein derartiger Erfolg beschieden sein würde, war anfangs überhaupt nicht absehbar. Der 68jährige erinnert sich noch daran, dass lediglich 6000 Exemplare vom ersten Teil verkauft worden waren, als der zweite Band erschien. Warum die Fortsetzungen dann regelrecht durch die Decke gingen und auf Anhieb Platz eins auf der Bestsellerliste erklommen, kann nur gemutmaßt werden.

Liegt es an der Landschaft oder an der Authentizität? Nicht ohne Schmunzeln verrät Klaus-Peter Wolf, dass er jedes Gericht, von dem erzählt wird, selbst probiert und jedes Buch, auf das in den Krimis angespielt wird, natürlich auch selbst gelesen habe.

Oder an der Tatsache, dass die Handlung an realen Orten stattfindet und „echte“ Menschen wie der Journalist Holger Bloem, der Maurer Peter Grendel oder der Café-Besitzer Jörg Tapper mit ihrer wahren Identität in den Büchern mit von der Partie sind? (Unwiderstehlich übrigens seine an Hüftgold grenzende Ostfriesentorte im ten cate).

Ist es die Akribie, mit der Klaus-Peter Wolf schreibt? Mit dem Stift zunächst alles in die große Kladde notieren. Dann laut vorlesen, um zu hören, wo es holpert. Anschließend abändern, abtippen lassen und erst beim Aufnehmen der Hörbücher den letzten Feinschliff ans Lektorat liefern? So oder so – mittlerweile wollen rund eine halbe Million Leser die Ostfriesenwelt selbst „erleben“ und machen sogar Vorschläge, was im nächsten Buch stehen könnte. Dass die vielen Touristen auf Spurensuche nicht bei allen Einwohnern auf Gegenliebe stoßen, steht auf einem anderen Blatt.

Unerwartet nicht nur der Erfolg, erstaunlich auch, dass aus dem kleinen Jungen aus dem Ruhrpott überhaupt ein Schriftsteller wurde. Obwohl der Mann mit dem Piratenzöpfchen und den roten Hosenträgern das ganz anders sieht. „Ich war schon Schriftsteller, ehe ich überhaupt zu schreiben anfing“, ist er sich sicher. Und das war früh: Bereits mit acht Jahren schrieb er seinen ersten „Besteller“ (nein, kein Schreibfehler!) auf eine Tapetenrolle und gründete eine Geschichtenerzählerbande über Ritter, Piraten und Weltraumfahrer.

Lesen und Schreiben nicht nur zum Vergnügen, sondern vor allem auch als Flucht aus der bedrückenden Atmosphäre des Elternhauses mit einem alkoholkranken und immer wieder randalierenden Vater. Erst viele Jahre und etliche Therapien später wird Klaus-Peter Wolf dieses Trauma verarbeitet haben.

Kurzgeschichten waren es, die dem gerade mal 16jährigen die Tür zu einer geradezu abenteuerlichen Karriere öffneten. Fasziniert lausche ich der leisen Stimme des Erfolgsautors, als er von damals erzählt. Wie er die erste Geschichte heimlich auf der Schreibmaschine getippt und mit der Erlaubnis des Lehrers auf einer Matrize in der Schule abgezogen habe. Um sie mit dem gepumpten Portogeld von Klassenkameraden gleich an 200!!! verschiedene Tageszeitungen zu verschicken. Der 68-jährige hat die darauffolgenden quälenden Wochen der Ungewissheit und die vielen Absagen nicht vergessen. Bis eines Tages der Wuppertaler Generalanzeiger und der Mannheimer Morgen mit einem Abdruck aus dem Briefkasten plumpsten. Von da an erschienen seine Beiträge regelmäßig in verschiedenen Gazetten – für 20 bis 82 Pfennig pro Zeile. Und weil niemand ahnte, dass sich ein Jüngling dahinter verbarg, mitunter auch in direkter Nachbarschaft zu einer Story von Heinrich Böll.

Mit dem ihn übrigens auch eine geistige Nähe verband. Genauso wie mit den sozialkritischen Arbeiterschriftstellern Richard Limpert, Josef Büscher und Max von der Grün, die ihn unter ihre Fittiche nahmen, förderten und in der Gelsenkirchener Schreibwerkstatt willkommen hießen. Und den Blick des ohnehin schon politisch interessierten und engagierten jungen Mannes weiter schärften.

Doch noch keine zehn Jahre später schien der Höhenflug des Senkrechtstarters schon wieder beendet. Wolf hatte unterstützt von weiteren Kollegen und Künstlern eine Art Auffanggesellschaft für den insolventen Verlag Helmut Braun gegründet – den Verlag, der die Werke von Rose Ausländer und Edgar Hilsenrath herausgab. Das ehrgeizige Projekt ging schief – und zwar gründlich: „Ich führte den Verlag wie ein Geisteskranker. Kein Wunder, dass ich nach 13 Monaten pleite war. Ich war 25 und hatte 2,7 Mio in den Sand gesetzt. Geld, das mir nicht gehörte.“ Der Staatsanwalt ermittelte, manche sprachen von Scharlatanerie. Der frisch gebackene Familienvater stand am Abgrund. Springen oder weitermachen?

Er machte weiter, zog in den Westerwald, erbettelte sich einen Vorschuss für einen Roman, von dem bislang noch keine Zeile existierte und schaffte es tatsächlich auch mit Hilfe der Literaturbranche, den Schuldenberg abzutragen.

Sein neu entdecktes Talent als Drehbuchautor dürfte ein Übriges dazu beigetragen haben. Nachdem niemand Geringeres als Herbert Reinecker dem verzweifelten Autor attestiert hatte, ihm nichts mehr beibringen zu können, erhielt er einen Vertrag beim TV-Produzenten Günther Herbertz. Klaus-Peter Wolf lieferte daraufhin die Vorlagen für Vorabendserien wie „Sportarzt Conny Knipper“, aber auch für später mit Preisen ausgezeichnete Filme wie „Die Abschiebung“ und „Svens Geheimnis“. Von Drehbüchern für den Tatort und Polizeiruf 110 ganz zu schweigen.

Aber wie das Leben so spielt – schon an der nächsten Ecke lagen neue Fallstricke für den umtriebigen Autor aus. Im Februar 1987 reiste Wolf auf Einladung des Schriftstellers Dschingis Aitmatov zusammen mit Kollegen wie Max von der Grün und Max Frisch, aber auch den Schauspielern Max und Maria Schell sowie Hanna Schygulla nach Moskau zu einer Friedenskonferenz mit dem überaus ambitionierten Thema „Erhaltung der Zivilisation und des Lebens auf der Erde“. Wir erinnern uns: Gorbatschow hatte mit Perestroika und Glasnost gerade einen Prozess angestoßen, dessen Ausgang damals noch ungewiss war. Gerne hätte ich Mäuschen gespielt, als die illustre Runde, die durch weitere Größen wie Yoko Ono, Gregory Peck, Graham Greene und Norman Mailer komplettiert wurde, am runden Tisch lebhaft über Zukunftsfragen stritt und diskutierte.

Bei seiner Rückkehr nach Deutschland musste sich der sozialistisch gesinnte Schriftsteller allerdings den Vorwurf gefallen lassen, sich zum Büttel der UdSSR gemacht zu haben. Der leichtfertig dahin gesagte Satz, dass die Mauer bald im Museum stehen werde, sorgte für Kopfschütteln und Ärger. Auch wenn er es nicht beweisen kann – Klaus-Peter Wolf ist davon überzeugt, dass genau diese Äußerung der eigentliche Grund war für die darauffolgenden Absagen von Lesungen und Projekten. Und die damit verbundenen Existenzängste.

Aus der Politik hat sich Wolf, der 2003 ganz bewusst das beschauliche Ostfriesland als Rückzugsort wählte, schon lange zurückgezogen. Noch im Jahr der Moskau-Reise trat er aus der DKP aus, weil Sozialismus ohne Demokratie für ihn kein Zukunftsentwurf, sondern ein Alptraum ist. Engagiert ist er dennoch geblieben. Schließlich sei es die Aufgabe von Autoren, Themen in die Gesellschaft zu tragen. Herzenssache ist zur Zeit der Bau eines Hospizes am Meer, für das er mit tatkräftiger Unterstützung seiner Fangemeinde die Schirmherrschaft übernommen hat. Die Mauern stehen bereits.

Und auch die Leseförderung ist ihm nach wie vor ein wichtiges Anliegen. Der Vater zweier  erwachsener Töchter gerät ins Schwärmen, wenn er an seine Lesereisen in die Schweiz zurückdenkt, wo Begegnungen zwischen Autoren und Jugendlichen einen ganz anderen Stellenwert hätten. Zusammen mit seiner Frau, der Liedermacherin Bettina Göschl, schreibt er nun auch Detektivgeschichten, Hörbücher und Musicals für Kinder.

Klaus-Peter Wolf hat nie etwas anderes als Schriftsteller werden wollen. Ein Schriftsteller, der ähnlich wie Johannes Mario Simmel Massen an Lesern begeistert. Sein Plan ist aufgegangen. 13 Millionen verkaufte Bücher in 26 Sprachen zeugen von seiner Beliebtheit. Was seine großen Lehrmeister wohl dazu sagen würden? „Sie würden sich für mich freuen“, ist sich der bodenständig gebliebene Autor sicher. Und es ihm gönnen.

Denn er ist mehr als „nur“ der Erfinder der Ostfriesenkrimis. Ja, Klaus-Peter Wolf ist ein Phänomen. Und solche muss man nicht immer ergründen wollen. Man darf auch ganz einfach nur darüber staunen.

In diesem Sinn – Moin und alles Gute!

P.S. * Der 16. Fall erscheint am 9. Februar. Es ist, so der Autor, sein persönlichstes Buch, weil er darin auch von seiner schwierigen Kindheit erzählt. Und wie gewohnt, gibt bereits einem Ausblick auf die nächste Folge: „Ein Versprechen an mich und an die Leser, dass es weitergeht“.

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