Megan Nolan: Verzweiflungstaten

ECKDATEN

  • erschienen im August 2021
  • Blümenbar Verlag (Aufbau)
  • Originaltitel: Acts of Desperation
  • Übersetzung: Kögeböhn, Lisa 
  • 304 Seiten
  • ISBN-13: 978-3-351-05094-8

TRIGGER WARNUNG: Vergewaltigung, (häusliche) Gewalt, seelischer und körperlicher Missbrauch

INHALT
Die namenlose Ich-Erzählerin trifft in einer Dubliner Kunstgalerie auf den jungen Künstler Ciaran und ist schockverliebt. Für sie ist Ciaran auf Anhieb „der schönste Mann der Welt“. Die beiden führen eine kurze, aber sehr intensive Liebesbeziehung die beiden alles andere als guttut. Trotzdem bleiben sie lange beieinander und finden auch nach kurzen Trennungen immer wieder zueinander zurück. Auch in der Vergangenheit hatte die Ich-Erzählerin schon viele flüchtige Beziehungen zu Männern unterschiedlichsten Alters und versucht mit Mitte 20 und einem gescheiterten Studium Bestätigung und Sinn in ihrem Liebesleben zu finden.

MEINE GEDANKEN
Auch wenn dieses Buch nicht immer spaßig und leicht zu lesen ist, habe ich es dennoch sehr genossen und als wichtige Lektüre empfunden. Was auf den ersten Blick als eine herkömmliche und erwärmende Liebesgeschichte erscheint, ist eigentlich das genaue Gegenteil davon. Ja, das Buch handelt von der Liebesbeziehung der Ich-Erzählerin und Ciaran, dabei steht aber keinesfalls die eigentliche Erzählung dieser Beziehung der beiden im Vordergrund. Vielmehr untersucht der Roman die Abgründe weiblicher Sexualität, Obsession und Liebe und nimmt dabei die Verhaltensmuster der Ich-Erzählerin als Beispiel für ein immer wiederkehrendes Phänomen unserer heutigen Gesellschaft.

Eines ist vorweg klarzustellen: die dargestellte Beziehung und einzelnen Handlungen innerhalb dieser Partnerschaft sind eindeutig ungesund und toxisch. Da der Roman zeitlich hin und her springt und einzelne Stellen auch rückblickend aus der Gegenwarts-Sicht der Protagonistin erzählt werden, wir dies durchaus klar und meist auch offen angesprochen. Trotzdem sind Beziehungen und Menschen nicht schwarz-weiß, was kritische Situationen oft komplexer und schwieriger zu fassen macht.

Es ist auf eine verstörende Art und Weise fast schon faszinierend zu beobachten, wie sich die Protagonistin der schädigenden und toxischen Verhaltensweise ihres Partners bewusst ist, trotzdem oder gerade deshalb immer wieder zu ihm zurückkehrt. Sie ist nach Momenten der Abweisung oft am Boden zerstört und klammerst sich obsessiv an die kleinsten Anzeichen von Zuneigung und Liebe.
Sie ist sich nichtsdestotrotz auch ihrer eigenen „Schuld“ und Taten bewusst: sie vernachlässigt während der Zeit mit Ciaran ihr komplettes Leben (Freunde, Familie, Beruf) und macht sich bewusst vollkommen abhängig von ihm. An bestimmten Textstellen legt sie auch ganz offen und direkt ihre Abhängigkeit, Hingabe und Unterwürfigkeit ihm gegenüber dar. Doch um diese Art von Beziehung ertragen zu können und dem seelischen und teils körperlichem Missbrauch Stand zu halten, sucht sich die Ich-Erzählerin gewisse Outlets: sie verfällt in eine Alkoholsucht und sucht Bestätigung und das Gefühl von Macht durch Sex mit anderen Männern.

Während es kompletten Romans hat man oft das Gefühl als lese man das sehr intime und persönliche Tagebuch der Protagonistin und bekommt Einblicke in Gedanken, die sie sich oft selbst nicht eingestehen mag.
Durch die Beziehungen die sie führt und die sie in der Vergangenheit geführt hat, werde ganz zentrale Themen wie Unsicherheit, Obsession, Sucht/Abhängigkeit jeglicher Art und Verzweiflung angesprochen. Doch auch die weibliche Sexualität/Lust und Misogynie bzw. Frauenfeindlichkeit sind durchgehend präsent.
Nicht selten hatte ich das Bedürfnis sie kräftig zu schütteln um ihr die Augen zu öffnen, doch weiß man auch das die Protagonistin viel zu tief im Geschehen drin steckt um die Situation aus einem anderen Blickwinkel zu sehen. Und was oft viel schlimmer ist: Man weiß eigentlich dass sie sich dessen bewusst ist, sich aber trotzdem für Passivität und Akzeptanz der Situation entscheidet.
Ein wirklich ehrliches, direktes und teils auch unangenehmes Buch darüber, was es heißt eine Frau zu sein.

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