Auf ein Bier… mit Andreas Kollender

„Im Leben nicht!“ pflegte sich meine Schwiegermutter zu empören, wenn ihr Erzähltes gar zu unglaublich oder unwahrscheinlich erschien.

Und „Im Leben nicht!“ möchte ich auch Andreas Kollender erwidern, als ich mit ihm über sein jüngstes Buch „Mr. Crane“ spreche: Da schleppt sich ein todkranker Mann, der im wahrsten Sinn des Wortes aus dem letzten Loch pfeift, in Badenweiler den Hügel zur Burgruine hoch und verlustiert sich nebenbei auch noch mit Elisabeth, seiner Krankenschwester? Also bitte!!!

Es ist ein schöner, wenngleich auch noch nicht lauer Sommerabend, als ich den Autor in einem kleinen Bistro mitten im hamburgischen St. Georg treffe – weil es hier Pilsner Urquell vom Fass gibt! Kollender stellt das Glas zurück und schaut etwas irritiert ob meines Einwandes. Schließlich hat er auch dieses Buch, das wohlgemerkt ein Roman und kein Tatsachenbericht ist, genauso penibel und sorgfältig recherchiert wie seine früheren Geschichten. Ist in den kleinen Kurort gefahren und auf den letzten Spuren des US-Autors gewandelt, der als Pionier der modernen amerikanischen Literatur gilt und in Badenweiler mit nur 28 Jahren an Tuberkulose starb. Aber letztendlich spielt dieser Spaziergang ja auch keine Rolle – geht es doch in dem Buch auch um eine couragierte Frau, die sich zu Beginn des vergangenen Jahrhunderts über alle Konventionen und moralische Bedenken hinwegsetzt und sich dank der Begegnung mit dem Literaten emanzipiert.

Eine starke Frau.

Eigentlich kein Wunder, dass der Mann mit dem hellen Haarschopf leise lächelnd gesteht: „Ich habe mich ein bisschen in Elisabeth verliebt“. Um sich gleich zu korrigieren: „Ich habe mich in Elisabeth verliebt“. Irgendwann, so räumt der 57jährige freimütig ein, entwickelten die Figuren ein Eigenleben, auch wenn sie natürlich aus seiner Feder stammten.

Und so wie andere Kollegen mit ihren Helden am Frühstückstisch sitzen, unterhält sich auch dieser Autor mit seinem fiktiven Personal – vorsichtshalber hinter vorgezogener Gardine.

Aber der gebürtige Duisburger, der auch nach einem Vierteljahrhundert in Hamburg seine Herkunft nicht verleugnen kann, geht sogar noch einen Schritt weiter: Er visualisiert seine Charaktere gewissermaßen. Denn hat er die Story erst mal komplett im Kopf, schneidet er aus Zeitungen und Illustrierten Gesichter aus, die in seiner Vorstellung den Handelnden ähneln. Heftet sie an die Pinwand in seinem kleinen Arbeitszimmer und blickt ihnen beim Schreiben buchstäblich in die Augen.

Und woher kommt der Stoff für all die Bücher, die stets einen historischen Bezug haben? Die findet der studierte Germanist und Philosoph eher zufällig: eine kleine Meldung hier, einen Bericht dort. „Von allen guten Geistern“ beispielsweise, ein Buch über den kämpferischen Psychiater Ludwig Meyer, verdankt seine Entstehung einer Notiz in einer Hamburger Chronik über die Versteigerung von Zwangsjacken im Sommer 1864.

Geradezu elektrisiert hat Kollender allerdings eine Reportage über den Spion und Widerstandskämpfer Fritz Kolbe, die ihn beim spätabendlichen Zappen durch die Fernsehkanäle hängen bleiben ließ. „Den Namen hatte ich noch nie gehört, obwohl ich mich in der Geschichte des Dritten Reichs ganz gut auskenne“, erinnert sich der Autor. Kaum seien die Kinder am nächsten Tag in der Schule gewesen, hätte er mit der sehr aufwendigen Recherche begonnen. Tausende begeisterte Leser, Übersetzungen ins Englische und sogar Chinesische und Anfragen zweier Filmstudios waren der Lohn für die Arbeit an seinem bislang erfolgreichsten Buch.

Auch in meinem Regal hat „Kolbe“, diese überaus packende und fesselnde Lektüre, für immer einen festen Platz. Erfüllt sie doch viele der Kriterien, die unabdingbar für eine gutes Buch sind: „Figuren müssen interessant und lebendig sein, aber nicht zwangsläufig auch sympathisch. Und das Interesse wecken, den Weg mitzugehen“, zählt Kollender auf. Eine schöne Sprache, Gefühlserlebnisse und Überraschungsmomente gehörten selbstverständlich auch dazu. Ein Graus sind ihm dagegen inflationär verwendete Adjektive und die Bedienung von Klischees. Und nach einer kurzen Pause platzt es aus dem bislang eher zurückhaltenden Schriftsteller geradezu enthusiastisch heraus: „Ein gutes Buch muss die Kraft haben, mich der hiesigen Welt zu entziehen. Es muss eher ums menschliche Herz gehen als um den Intellekt.“
Hochgesteckte Ziele – und nicht immer ist der Doppelkopfspieler zufrieden mit dem, was er zu Papier gebracht hat. Eine im Lockdown begonnene Geschichte über plötzlich aufgetauchte Liebesbriefe hat er erst einmal unvollendet in der Schublade verstaut. Sich die erste Schreibkrise seines Lebens einzugestehen, sei schwer gewesen.

Überhaupt Corona! Mit dem Lockdown fielen von eben auf jetzt nicht nur sämtliche Lesereisen und damit auch Einnahmequellen weg, sondern ebenfalls seine Honorarjobs für Kreatives Schreiben an verschiedenen Schulen. Eine Arbeit, der er gerne nachgeht – ist er sich doch sicher, angehenden Literaten das nötige Handwerkszeug mit auf den Weg geben zu können. Schon so manche freundschaftlichen Kontakte hätten sich aus diesen Kursen ergeben, erzählt Kollender rückblickend. Und weil er auch den Austausch mit Kollegen sucht, ist er übrigens gerade dabei, wieder eine neue Hamburger Autorengruppe ins Leben zu rufen.

Am Herzen liegt ihm sein Engagement an Stadtteilschulen in sogenannten Problemvierteln. Traurig, aber leider wahr trifft der 57jährige hier immer wieder auf Kinder, die noch kein einziges Buch gelesen hätten und denen jegliche Phantasie fehle. Mit diesen Mädchen und Jungen eine Geschichte zu erarbeiten, die diese später gedruckt mit nach Hause nehmen könnten, ist dem Vater zweier mittlerweile erwachsenen Kinder trotz aller Schwierigkeiten die Mühe wert.

Ich erlebe Andreas Kollender als einen freundlichen und sehr höflichen Menschen. Aber als wir in diesem Zusammenhang auf das Thema Bildungspolitik zu sprechen kommen, geht dem 57jährigen regelrecht der Hut hoch. „Ich möchte auch mal erleben, dass die Bundestagsabgeordneten aufstehen, weil sie gerade 50 Milliarden Sondervermögen für Bildung und 50 Milliarden für den Klimaschutz verabschiedet haben!“

Als Kind hat er allerdings auch nicht gelesen – und das, obwohl er in einem Wohnzimmer voller Bücher aufgewachsen ist. „Mein Papa hat mir immer etwas vorgelesen und war fast schon verzweifelt, dass er mich dafür nicht begeistern konnte“, erinnert sich der Autor. Erst mit 15 habe er die Welt der Bücher für sich entdeckt und dann querbeet gelesen wie ein Wilder.

Aber geschrieben habe er schon als kleiner Junge, Geschichten über Piraten und Ritter. Eben was Kinder so schreiben in dem Alter. Woher diese Diskrepanz kommt? „Da fragen Sie mal einen Psychiater“, grinst er.

Ernest Hemingway ist eines der Vorbilder von Andreas Kollender. Mit ihm teilt er, wenn auch vielleicht nicht die Abenteuer- so doch zumindest die Reiselust. Während die Urlaube seiner Kindheit eher ins Allgäu oder den Schwarzwald führten (sein Vater war Hobbyjäger), nutzte der junge Erwachsene das Interrail-Ticket, um sich nicht nur in Europa, sondern gleich in der ganzen Welt umzusehen. Heute im Tal der Könige, wo er auf einem störrischen Esel das Klischee des völlig behämmerten Touristen bediente, morgen zu Fuß im Dschungel von Costa Rica: „Egal wo ich war, ich hatte immer eine gute Zeit“, schwärmt der 57jährige. Es liegt auf der Hand, dass „Exotik und Reise in der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur“ dann auch das passende Thema seiner Bachelorarbeit war.

Die jüngste Fahrt liegt noch nicht lange zurück – ein Städtetrip nach Budapest, mit dem er einen langgehegten Wunsch seiner Frau erfüllte. „Mit Ansprüchen hinfahren, die dann noch übertroffen werden, viel sehen und gutes Essen genießen – besser geht es doch gar nicht“, begeistert sich der Reiselustige. Dass seine Kinder gelegentlich immer noch gerne mit von der Partie sind, freut ihn besonders. Und der Stolz, der in seiner Stimme mitschwingt, wenn er von den Zwillingen erzählt, ist nicht zu überhören.

Angetan hat es ihm im vergangenen Spätsommer aber auch die Einsamkeit der norwegischen Küstenlandschaft („ein Paradies für Hobbyfotografen“), in die er gleich sein erst vor wenigen Jahren erstandenes Kanu mitnahm. Bleiben da noch Sehnsuchtsorte übrig? „Früher war es mal Tahiti“, sinniert der 57jährige, dem die eigene Küche genauso wenig fremd ist wie die Landkarte. Letztendlich gäbe es aber viele atemberaubende Orte, nicht nur die exotischen.

„Sehnsuchtsort“ ist denn auch das Stichwort für den nächsten Roman, mit dem der Schriftsteller gerade schwanger geht. Es fällt dem St. Pauli-Fan sichtlich schwer, meiner Neugier nicht nachzugeben und nichts zu verraten. „Ich habe das Gefühl, dass es dieses Mal schneller mit dem Schreiben geht“, gibt er sich zuversichtlich.

Und da wartet ja auch noch das unvollendete Manuskript in der Schublade, das Andreas Kollender keinesfalls verloren gibt.

Die Schreibkrise – so scheint es – hat ein Ende. Wie schön!

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